Angst vor dem Dunkel und Depression

Eine besondere Angst ist die vor dem Dunkel, vor dem Schatten, dem Tod. Wo ihr nachgegeben wird und das zu einer Verweigerung der Auseinandersetzung mit dem Schatten führt, kann das Ergebnis bis Depressionen führen. In der dunklen Jahreszeit wird dieses Thema auch noch von außen angeregt. Weitestgehend unabhängig geworden von den Rhythmen der Natur, spüren selbst moderne Menschen an ihren winterlichen Schattenseiten noch die Bedeutung der Symbole und Zeichen für die Seele. Bei winterlicher Aussicht auf dunkle nebelige Tage, wird vielen ganz anders und nicht wenigen schwer ums Herz. Wem diese dunkle Aussicht das Gemüt bis in die Tiefen verdüstert, der ist in Gefahr depressiv zu reagieren. Dass bereits der Herbst mit Loslassen und Abschiednehmen zu tun hatte, spüren auch heute noch viele Menschen intuitiv. Wer jetzt über einen Friedhof wandert, erlebt geradezu, wie der Tod in der Luft liegt.

Der aber ist modernen Menschen so zuwider, dass er so weit wie irgend möglich weggedrängt wird. Schon in den vergangenen Jahrhunderten war er immer ein gemiedener Störenfried, in jüngster Zeit aber hat die Abkehr vom Tod und der Kampf gegen ihn geradezu groteske Formen angenommen. Die Transplantationsmedizin macht es möglich, Sterbenden ihre Organe zu entnehmen, was diese bereits dem Tod entzieht. Werden sie anderen Sterbenden übertragen, können auch diese dem Tod fürs erste entkommen. Dabei ist der Tod so viel mächtiger, und die kleinen Etappensiege bemühter Mediziner ändern nichts daran. Letztendlich kommt niemand an ihm vorbei, selbst wenn er sich vorher noch schnell einfrieren lässt. Der Tod sitzt letztlich immer am längeren Hebel und sammelt zum Schluss auch all jene ein, die partout nicht freiwillig kommen wollten.

Die Verdrängung reicht aber schon so weit, dass laut Umfrage eine Mehrheit der Menschen in Deutschland gar nicht mehr an den eigenen Tod glaubt. Die Frage nämlich, ob sie lieber in einer guten Klinik oder zu Hause sterben würden, beschieden über 90 % der Befragten mit folgender entlarvender Antwort: „Wenn schon, dann Zuhause“. Das „Wenn schon“, zeigt, wie wenig sie es noch daran glauben. Was auf den ersten Blick wie Verblödung wirken mag, ist auf den zweiten eher mit kollektiver Verdrängung zu umschreiben. Niemand will mehr etwas mit dem Tod zu tun haben.

Das spiegelt sich bis in unsere Ablehnung der dunklen Jahreszeit. Analogien zwischen Herbst und Alter einerseits und Winter und Tod andererseits erkennen auch weniger romantische Menschen und nicht wenige reagieren darauf mit Depressionen. So ist Winter-Depression bereits zu einem festen Ausdruck geworden, der sich bis in die Schulmedizin hinein durchgesetzt hat. Die rasante Zunahme der Depressionen, die wir seit Jahren erleben, ist wohl vor allem mit dieser Ablehnung des Todes und seines Archetyps beziehungsweise Urprinzips in Zusammenhang zu bringen. Hier läge auch die tiefste Form der diesbezüglich sinnvollen Therapie. Allerdings sind die meisten Depressiven gerade nicht willig, sich dem Wesen des Todes und ihrer eigenen Sterblichkeit zu öffnen, wie es etwa bei der Reinkarnationstherapie selbstverständlich geschehen würde. Sie sind eher die Speerspitze der gesellschaftlichen Verdrängung, deren erste Symptomträger sie auch werden.

Die therapeutischen Versuche der Schulmedizin zielen – getreu ihrem allopathischen Ansatz – darauf, mit Chemie die Stimmung aufzuhellen und den Antrieb zu steigern und so die Niedergeschlagenheit zu bekämpfen. Das hat auch beachtlichen Erfolg – solange die entsprechenden Psychopharmaka geschluckt werden. Eine weitere Chance bietet die Lichttherapie, die dem Dunkel mit dem Licht künstlicher Sonnen zu Leibe rückt. Wer es sich leisten kann, flüchtet vielleicht auch noch rechtzeitig in sonnige mediterrane Gefilde, wo einem die Macht des Todes und seines dunklen Wesens zumindest nicht so krass zu Bewusstsein gebracht wird.

Dabei würde uns eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Themenkreis des Saturninen, zu dem neben dem Abschiednehmen und dem Abscheiden im Tod auch Disziplin und Struktur und jede Reduktion auf das Wesentliche gehören, unendlich gut tun. Alle Religionen empfehlen ihren Anhängern diese Thematik sehr ausdrücklich. Hier ist die Idee naheliegend, sich mit der eigenen Sterblichkeit auszusöhnen, um danach besseren Zugang zur Unsterblichkeit der eigenen Seele zu erlangen.

Wo etwas so verdrängt wird, wie der Tod in unserer Kultur, wird es – entsprechend dem Gesetz der Polarität – in anderer und zumeist unerlöster Form wieder zum Vorschein kommen. Krankheitsbilder sind Schattenmanifestationen. Das ist auch der Grund, warum diese im Rahmen der Archetypischen Medizin, gedeutet werden.

So drängt auch der Tod, der bewusst keinerlei Anerkennung bekommt, auf verschiedensten Wegen in unsere moderne Welt. Allabendlich tanzt er in lächerlich übertriebenen Szenen durch die Programme des Mehrheitsmediums Fernsehen. Diese ungezählten „photogen“ dargebotenen Fernsehtode zeichnen sich dadurch aus, dass sich die Zuschauer sagen können: „Das alles kann mir doch nie passieren!“ So mag sich nach einem erfüllten Fernsehleben die Überzeugung der eigenen physischen Unsterblichkeit festgesetzt haben.

Neben solch banaler Beschäftigung mit dem Tod auf Fernsehniveau gewinnt die ungleich bedrückendere Form in Gestalt der Depression immer mehr Bedeutung. Auch Depressive beschäftigen sich ständig mit dem Tod, wenn sie ihre quälenden Selbstmordgedanken wälzen. Inzwischen wird diese fürchterliche Art der Auseinandersetzung mit dem Sterben immer verbreiteter.

In der Krankheitsbilder-Deutung wie sie sich in „Krankheit als Symbol“ niederschlägt, geht es darum, in den Körper gesunkene Themen zurück ins Bewusstsein zu holen. Für Geisteskrankheiten, gilt ganz Analoges, nur können wir uns den Übersetzungsschritt vom Körper auf die Seelenebene schenken, da alles bereits im Seelischen abläuft. Es geht offensichtlich darum, anstatt sich auf der Ebene „Strick oder Kugel, Gift oder Gas“ mit dem eigenen Tod zu beschäftigen, die Auseinandersetzung mit ihm in den Bereichen von Religion und Philosophie zu suchen. Anstatt gegen sich selbst gerichtete Mordgedanken zu pflegen und die gestauten Aggressionen nach innen zu richten, ginge es darum, sich mutig, energisch und offensiv der eigenen Sterblichkeit zu stellen. Mut, Energie und Offensivkraft sind erlöste Spielarten des Aggressionsprinzips, mit dem wir ähnlich viele Probleme haben wie mit dem der Reduktion. Das gerade erschienene Buch „Aggression als Chance“ (Bertelsmann) widmet sich ausführlich dieser Thematik.

Archaische Kulturen aber auch etwa die tibetische könnten uns offenbaren, welche Vorteile dieser Weg bietet. Denn wer sich mit dem Sterben schon früh im Leben beschäftigt und aussöhnt, ist vor Depressionen ziemlich sicher. In alten Kulturen und im tibetischen Teil Indiens sind sie praktisch unbekannt. Depressionen sind also sicher nicht natürlich. Sie werden nur zum Problem, wenn wir die dahinterliegenden Urprinzipien der Reduktion (Saturn) und Aggression (Mars) zu verdrängen suchen. Niemals aber kann es gelingen, ein Urprinzip aus der Welt zu schaffen. Wir können es höchstens unterdrücken, verdrängen oder beseitigen. Alles Unterdrückte wird uns aber drücken, so wie alles Verdrängte drängt und alles Beseitigte auf der Seite oder eben im Schatten landet. Verdrängen wir die Beschäftigung mit dem Tod, landet auch sie auf unerlösten Ebenen. Über diesen Weg kommen wir zur Fülle der Depressionen. Wenn eine ganze Gesellschaft an solch einem Verdrängungstheater teilnimmt, kann sie sich eine richtige Volkskrankheit züchten.

Dass Depressionen heute sogar schon in jüngeren Jahren auftauchen, könnte uns zeigen, wie sehr das Problem auf dem Vormarsch ist. Eigentlich hätte die Depression eine natürliche Resonanz zur Lebensmitte und der sich daran anschließenden zweiten Lebenshälfte, so wie sie im Jahr vor allem in Herbst und Winter fällt. Die Zeit nach der Lebensmitte entspricht in der Analogie dem Herbst des Lebens und dem Lebensabend.