Alltag als Symbol – Widerstand als Chance

Inzwischen hat sich herumgesprochen: bei Schnupfen hat man auch im übertragenen Sinn die Nase voll. Zu jeder Form gehört auch ein Inhalt, tatsächlich hat alles in dieser Welt, was Form und Gestalt hat, auch Sinn, Inhalt und Bedeutung. Wo der Körper (s)eine Rolle spielt, ist die Seele nie weit. Die Seele verkörpert sich ständig, nicht nur am Anfang des Lebens. Den Körper zu beseelen, die Seele zu verkörpern, ist uns Herausforderung und Aufgabe. Die Beziehung zwischen Körper und Seele ist viel enger als viele glauben. Aber nicht nur zur körperlichen Innen-, auch zur materiellen Außenwelt hat die Seele eine kontinuierlich enge Beziehung.

So lassen sich nicht nur Krankheitssymptome deuten, sondern auch all die übrigen Symptome und Probleme, die uns auf dieser Welt tangieren. Wir können alle Formen deuten und werden dahinter auf ihren Inhalt und Sinn stoßen. Krankheitssymptome sind Zeichen, die uns stören, mit denen wir in Widerstand sind, und wir können ihre Bedeutung in „Krankheit als Symbol“ nachschlagen oder sie selbst herausfinden. Ganz ähnlich stören uns aber nicht nur im Körper, sondern auch draußen in der Welt verschiedene Dinge und Situationen und lösen Widerstand aus. Sie alle haben Form und Gestalt und folglich Inhalt, Sinn und Bedeutung und lassen sich gut deuten. Das macht „Das Buch der Widerstände“ und ist damit Pendant und Ergänzung zu „Krankheit als Symbol“.

Was mich draußen stört, muss, wenn es mich stört, mit mir zu tun haben und kann mir über meinen Widerstand eine Botschaft vermitteln darüber, was ich bei mir noch nicht integrieren kann. Auch wenn wir das meist gar nicht wollen, unsere Seele will wachsen und sich entwickeln. Wir sagen oft zum Abschied und als gut gemeinten Wunsch „hoffentlich passiert nichts!“ Das aber sieht unsere Seele nicht so, sie will, dass wir uns entwickeln und Anstoß nehmen, wo wir noch nicht rund und stimmig sind. So spiegelt uns die Außenwelt in Gestalt der Probleme, die wir in ihr erkennen, unsere Lernaufgaben ganz analog zu Krankheitsbildern.

Wenn wir bestohlen werden, nehmen wir daran Anstoß. Der Stoiker Epiktet rät, alles Verlorene und Gestohlene schlicht als zurückgegeben zu betrachten. Aber jeder ist noch nicht so gleichmütig wie es die Philosophie der Stoa empfiehlt, und manch einer regt sich gehörig auf. Das wiederum hat damit zu tun, dass seine Seele etwas als Integrationsaufgabe erkennt. Wer gar nichts mit diesem Thema zu tun hat, kann sich auch nicht aufregen. Wenn ein Stoiker wirklich Gleichmut angesichts eines Diebstahls bewahren kann oder ein Buddhist im entsprechenden Zustand von Uppekha bleibt, heißt das, er hat keine Bindung mehr an die materielle Welt – das hohe Ziel vieler Traditionen – in der Welt aber nicht von der Welt sein oder wie Christus sagt: mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wer sich aber noch aufregt, von dem hat nicht nur der Dieb etwas gelöst, er hat auch bei sich noch etwas zu lösen. Vielleicht hat er zwar nicht so konkret – auf materieller Ebene – gestohlen, jedenfalls nicht in diesem Leben, aber vielleicht hat er fremde Ideen als seine ausgegeben oder Wissen oder er hat sich Liebe Liebe gestohlen oder was auch immer.

Wer sich gemobbt fühlt, empfindet sich als Opfer und will den Mobbern das Handwerk legen lassen. Das aber ist praktisch kaum möglich, weil die Täter meist unbekannt sind. Die Lösung ist einfach, er müsste sich nur klar machen, wenn er unter der Opferrolle leidet, muss die Täterrolle auch bei ihm zu finden sein. Würde er nicht nur selbst aufhören, über andere schlecht und hinter ihrem Rücken zu reden, sondern auch zu denken, müssten die anderen – nach dem Resonanzgesetz – ebenfalls mit dem Mobbing aufhören. Allerdings ist es eine Zeitfrage und hängt davon ab, wie viel Vorarbeit er geleistet hat.

Wer etwas gegen Ausländer hat, muss in Ihnen symbolisch etwas Fremdes, ihm selbst bei sich Unbekanntes bekämpfen. Stellen wir uns einen gesunden zufriedenen Menschen vor, der sich in seinem Körper wohl und vertraut fühlt, mit seinem geliebten Partner in einer aufbauenden ehrlichen und anmachenden Beziehung im eigenen Haus ihrer Wahl lebt, der seine Gabe in seiner Begabung entdeckt und zu einem Beruf gemacht hat, der seine Seele ruft und in dem er konkurrenzlos ist, viel Honorar bekommt und Ehre einlegt, der zu seinem Land steht, auf dessen Kultur und Leistungen er stolz ist. Dieser Mensch wird kaum ausländer- oder fremdenfeindlich sein.

Wer aber seinen Körper hat verkommen lassen, so dass er ihn selbst nicht leiden kann, wer seinen Partner weder liebt noch ausstehen kann, aber bleibt, weil er keine andere Chance sieht, sich in seiner hässlichen engen Mietwohnung nicht wohl, sondern nur ausgenommen fühlt, und einen Job macht, der ihm nichts sagt, den er als Ausbeutung empfindet, aber zum Überleben braucht, der ständig Konkurrenz fürchten muss und sich immerzu übergangen und von seinem Land und Staat übervorteilt fühlt, der mag sich fremd und elend in seiner eigenen Haut fühlen, in seiner Beziehung, seiner Wohnung, seinem Job und Land und all das auf Fremde projizieren, denen er ihr Fremdsein schon von weitem ansieht.

Insofern könnte er Fremden, die ihm sein eigenes Fremdheitsgefühl spiegeln, geradezu dankbar sein, ihn auf diese wichtige Spur gebracht zu haben. Die Aufgabe lautet dann, in seinem Körper anzukommen und ihn lieben zu lernen, sich einen Partner zu suchen, den er lieben kann, seinen Job in einen Beruf zu wandeln, der seine Seele ruft und befriedigt und in seinem Land heimisch zu werden. Wer das schafft, wird Ausländer als Bereicherung empfinden, etwa wenn sie uns mit der Küche ihrer Heimatländer eine ungekannte Vielfalt in unsere Ernährungsauswahl bringen, wenn sie die Arbeiten verrichten, die eh kein Einheimischer mehr machen will, die Gesellschaft verjüngen, indem sie noch reichlich Kinder bekommen. Und wenn sie Dinge tun, die nicht zu mögen sind, wird er sie bedauern genau wie Einheimische die sich vergehen, daneben langen und vom Weg abkommen.

Die Tests sind einfach: bin ich einverstanden, ist kein Wachstumspotential für mich in der Situation. Gerate ich in Widerstand, könnte gleich das Lernen beginnen. So könnte uns unser Alltag zum Symbol und jeder Widerstand zur Chance werden.