Allergien im Spiegel ihrer seelischen Hintergründe

Ähnlich wie individuelle Krankheitsbilder im Sinne von „Krankheit als Symbol“ Probleme und Lernaufgaben der einzelnen Betroffenen zei­gen, enthüllen Krankheitsbilder, die große Bevölkerungsteile treffen, einiges über den Zu­stand der entsprechenden Gesellschaft. Allergien haben mit die höchste Zuwachsrate aller Krank­heitsbilder in unseren Breiten. In den letzten zwanzig Jahren haben sie sich fast vervierfacht, so dass inzwischen mehr als ein Drittel der Bevölkerung darunter leidet. Nimmt man Krankheitsbilder wie AIDS und Autoimmunerkrankungen hinzu, ist der Bereich der Abwehr mit seinen Krankheitsbildern eines unserer Hauptpro­bleme.

Das körperliche Geschehen verläuft bei Allergien ähnlich wie bei Entzündun­gen, wo Erreger in den Körper eindringen und sich mit dessen Abwehr ein mehr oder we­niger erbittertes Gefecht liefern. Allerdings sind die Allergene im Gegensatz zu den Erre­gern körperlich meist völlig harmlose Stoffe. Ein weiterer Unterschied ist die Reaktionszeit bis zur einsetzenden Gegenwehr. Bei einer Infektion mit Bakterien haben wir erst die so­genannte Inkubationsszeit, wohingegen bei der Allergie der Krieg sofort ausbricht. Wäh­rend das Abwehrsystem im Falle der Entzündung bei den Angreifern erst noch Maß neh­men muss, um mit dieser Information in seinen Waffenschmieden gezielt die als Antikörper bezeichneten Lenkwaffen zu produzieren, ist es bei der Allergie jeweils spontan schlagfer­tig. Das aber heißt nichts anderes als dass Allergiker schon vorher hochgerüstet und kampfbereit sind, jedenfalls auf der Immunebene.

Be­kommen sie Kontakt zu ihren Allergenen, können sie sich auf ein vorbereitetes Arsenal spezifi­scher Lenkwaffen stützen, die gezielt diese Allergene angreifen, um in einer tödlichen Umarmung mit ihnen zusammen zugrunde zu gehen.

Ein weiterer Unterschied zur Ent­zündung liegt darin, dass der Kampf des Immunsystems beim Allergiker etwas Hoff­nungsloses hat. Kein Heuschnupfenallergiker und auch nicht das Millionenheer der Pollenallergiker gemeinsam können hoffen, die Zahl der Pollen auch nur unwesentlich zu verringern oder gar sie definitiv niederzuringen. Ein Erfolg der Pollenallergiker wäre im Übrigen das Ende je­den Frühlings und allen pflanzlichen Wachstums. Wir können den Pollenallergikern also ehrlicherweise keinen Erfolg bei ihrem frustranen Kampf wünschen. Sie bekämpfen mit den Pollen etwas Lebenswichtiges. Viele Menschen kaufen sich sogar Pollen in Re­formhäusern der Gesundheit zuliebe. Andererseits möchte die Gesellschaft den Betroffenen doch beistehen und weil das im Kampf mit den Allergenen praktisch unmöglich ist, em­pfiehlt sie eine Vermeidungsstrategie. Im Frühjahr hören wir deshalb nach den Nachrichten und dem Wetterbericht eine Art Kriegsberichterstattung für Allergiker. Die Nachricht vom Pollenflug in bestimmten Regionen soll die Betroffenen offenbar dazu animieren, das Haus zu hüten und sich dergestalt gegen die vermeintlichen Angreifer zu wappnen. Wie man im Krieg vor feindlichen Bomberverbänden Schutz suchte, geschieht es nun der Allergene.

Dabei fühlen sich Allergiker auf eigenartige Weise im Recht. „Nehmen Sie die Katze weg, ich bin darauf allergisch!“ fauchte mich ein Allergiker an, als unsere Katze ins Wartezimmer eindrang. Als ich ihm erklärte, dass die Katze ganz in Ordnung und hier Zuhause sei, dass sie gewiss keine böse Absichten gegen ihn hege, und dass das Problem offenbar ganz einseitig bei ihm läge, reagierte er überrascht, weil daran gewohnt, mit der Projektion seines Problems auf die bösen Katzen durchzukommen. Zusammenfassend können wir feststellen, Allergiker sind hochgerüstete Menschen, die – unbewusst – unter einem Aggressionsstau leiden, den sie bei jeder Gelegenheit gegen einen objektiv zumeist harmlosen, gleichsam eingebildeten Feind loslassen. Dieses einge­bildete innere Bild ihres erklärten Feindes enthält den Schlüssel zu Ihrem Aggressionspro­blem.

Mittlerweile existiert eine unübersehbare Vielzahl von Allergenen, sodass es beinahe keinen Stoff mehr gibt, der nicht irgendeinem Allergiker als Feind dient. Um das Wesen hinter diesen vielfältigen Kriegen im Körper bzw. an seinen Grenzen und Ein­trittspforten transparenter zu machen, bietet es sich an, zuerst einmal nur die klassischen Allergene zu betrachten, jene Stoffe, die traditionell als Allergene verrufen sind wie Pollen und Hausstaub, Katzenhaare und Erdbeeren, Penicillin und Äpfel. Die Lösung im Bild des Allergens zu suchen, erscheint sogar wissenschaftlich sinnvoll, denn wir wissen heute, dass auch schon Bilder, etwa das einer rauchenden Lokomotive, allergische Reaktionen wie Asthma auslösen können. Darüber hinaus wissen wir, dass Bewusstsein wichtig für die All­ergieentstehung ist. In tiefer Narkose verschwindet die allergische Reaktionsbe­reitschaft, ebenso wie in tiefen Psychosen. Selbst für das Immunsystem geht es um die äu­ßere Erscheinungsform der Allergene, denn seine Antikörper stellen und schießen sich auf die Außenstrukturen der feindlichen Stoffe ein.

Die Symbolik der Allergene lässt sich mit Hilfe urprinzipiellen Denkens schnell entlarven: So stellen etwa Blütenpollen den Samen der Pflanzen und damit Befruch­tungsmaterial dar. Die Katze, deren Haare so häufig allergisch bekämpft werden, ist als Schmuse­katze bekannt und in Form der Wildkatze auch häufig Symbol für eine besonders offensiv-attraktive Frau. Bei der falschen Katze kann sich auch noch ein negativer Beigeschmack hineinmischen. Die Kuscheltiere unserer Kinder wären ohne weiches Fell undenkbar, das uns in seiner animalisch erotischen Ausstrahlung auch in Pelzmänteln begegnet. Frauen, die Fell nur gegen die Kälte tragen, wie einige in diesem Zusammenhang schamhaft be­haupten, müssten dann schon wie die Innuit die Haare nach innen nehmen. Im Übrigen dürfte die Existenz von Felldessous das Wärmeargument ins richtige Licht rücken. Ist bei der Katze die venusisch-verspielte Komponente mehr im Vordergrund, geht es bei Hundehaaren eher um das marsisch-aggressive Prinzip, den Gegenpol des Venusischen. Der scharfe Hund, der mehr als einen scharfen Zahn sein eigen nennt, kann bei aller Liebe seinem wölfischen Stammbaum entsprechend auch recht aggressiv werden, während das Pferd für die Trieb­haftigkeit steht, die der Reiter so gekonnt zwischen seinen Schenkeln beherrscht. In diesen Bereich des Geschlechtlich-erotisch-sexuellen gehören auch Früchtte wie die Erdbeere, auch wenn wir es ihr auf den ersten Blick vielleicht nicht ansehen. Immerhin ist sie eine recht pralle auffällige Erscheinung in der Venus und Mars gemeinsamen Farbe. Manches Früchtchen hat auch weniger einen botanischen als erotisch-frechen Hintergrund und kann als solches dann Stoff liefern für Sprüche wie „Ich bin so wild auf deinen Erdbeermund….“

Nun erscheint die Erdbeere vielen Menschen nicht als erotisches Symbol. Entwe­der reagieren sie dann auch nicht allergisch darauf, oder die Symbolik ist ihnen unbewusst. Dass sie in der Erdbeerallergie vehement bekämpft wird, ist sogar Indiz, dass sie nicht be­wusst in Ihrer Symbolik erkannt wird. Das ist für Allergien geradezu typisch.

Bei der Penicillinallergie ist den meisten Menschen z. B. überhaupt nicht bewusst, dass es sich hier um den Schimmelpilz, Aspergillus penicillinum, handelt. Selbst kleine Kinder können auf dieses Symbol für Schmutz – immerhin ist Schimmel der erklärte Feind vieler Hausfrauen – reagieren. Mit Sicherheit kennen sie den botanischen Hintergrund des gebräuchlichsten Antibiotikums nicht. Ihr Unbewusstes aber weiß um diesen Zusammen­hang und nutzt ihn zur Darstellung einer erworbenen oder mitgebrachten Lebensaufgabe.

Ganz allgemein lassen sich auf der Grundlage symbolischen Denkens die allermei­sten Allergene zwanglos unter den Überbegriff „Schmutz“ und unterweltliche Kräfte schlechthin – subsumieren. Am einleuch­tendsten ist hier natürlich der Hausstaub. Allergene aus dem Bereich des Geschlechtlichen lassen sich ebenfalls hier einordnen, denn – wie Psychotherapien zeigen – bekämpfen Betroffene in den entsprechenden Symbolen ihr Thema, das sie unbewusst als schlecht und schmutzig ablehnen. Dass sie das bewusst nicht durchschauen und den Zusammenhang nicht selten sogar vehement bestreiten, ist eher typisch. Ein Thema sinkt ja erst dann in den Körper, nachdem es aus dem Tagesbewusstsein, das wir so locker für das Bewusstsein schlechthin halten, verdrängt wurde. Das Unbewusste funktioniert nicht logisch und nicht einmal chronologisch, sondern analogisch und orientiert sich einzig an symbolischen Inhalten. So wird z.B. das Thema Schmutz problemlos auch im Gegenpol „Waschmittel“ erkannt, da für unser Tiefenbewusst­sein Gegensätze zwei Seiten dergleichen Medaille sind.

So ist es auch zu erklären, dass viele der neuen Allergien ganz unlogisch anmuten. Vor 20 Jahren, zu einer Zeit, in der Lebensmittel noch kaum wirksam auf Schadstoffe kontrolliert wurden, gab es kaum Lebensmittelallergien. Heute, wo Kontrollen strikter ge­handhabt werden, und deshalb manche Nahrungsmittel schon wieder Lebensmittelqualität erreichen, gibt es dagegen eine Fülle von diesbezüglichen Allergien. Heute herrscht breites Bewusstsein für die Verschmutzung von Nahrungsmitteln und dieses ist die Basis der Allergieentstehung. Ähnlich ist es mit Arzneimitteln, die in letzter Zeit eher strenger auf Nebenwirkungen und Verun­reinigungen kontrolliert werden als noch vor Jahren. Jetzt aber gibt es eine zunehmende Fülle von Allergien auch in diesem Bereich. Die Luftverschmutzung in den großen Städten war ebenfalls vor 20 Jahren stärker, heute aber gibt es gerade hier zunehmend Pollenallergien. Denn nicht etwa auf dem Land, wo es noch wirkliches Heu gibt, sondern in den Städten nimmt der Heuschnupfen beängstigend zu. Pollen fungieren nicht nur als Ge­schlechtssymbole, sondern auch als Staub- und Schmutzfänger. Unter dem Mikroskop lässt sich erkennen, wie sie Dreck beladen noch ganz andere Nachrichten transportieren. Ein ähnlicher Zusammenhang ergibt sich bei Farben und Lösungsmitteln, die – inzwischen weniger gefährlich – trotzdem immer mehr allergische Probleme heraufbeschwören. Inzwischen wissen eben große Teile der Bevölkerung um die Gefahr, die sie darstellen. Die allermeisten Allergene sind in „Krankheit als Symbol“ in ihrer Bedeutung nachzuschlagen.

Der entscheidende Punkt ist immer das herrschende Bewusstsein, und das be­schränkt sich keinesfalls auf den dem einzelnen Bürger zugänglichen Wissensspeicher. Aus vielen Therapien wissen wir, dass das Unbewusste Zugang zum kollektiven Wissen hat und sich hier reichlich bedient, um uns unsere Themen bewusst zu machen. Was wir an der Be-Deutung von Krankheitsbildern erkennen können, ist uns im Übrigen aus dem Bereich der Traumdeutung schon länger vertraut.

Auf der Suche nach dem persönlichen Lebensthema findet der einzelne Allergiker zusätzliche Hinweise in seiner speziellen Allergie, denn natürlich hat Asthma bronchiale eine andere Bedeutung als Neurodermitis. Während ersteres mit dem überblähten Brust­korb und der Tendenz nur noch einzuatmen eine Machtthematik verkörpert und den Ver­such vor lauter Nehmen das Geben zu vergessen, geht es bei letzterer um einen (Ab-)Grenzkonflikt. Beide Krankheitsbilder betreffen aber unsere beiden Kontaktorgane, Haut und Lunge, und finden hier wieder eine Gemeinsamkeit, die fast alle allergischen Symptome vereint. Kon­takt ist ein weiteres zentrales Thema, denn auch Lebensmittelallergien treffen noch die Haut, wenn auch die innere Schleimhaut. Bei jeder einzelnen Art von Allergie ist weiter zu hinterfragen, wann sie zuerst begonnen hat und worum es damals im Leben gerade ging. Wichtig ist auch, bei welchen Gelegenheiten sie heute besonders auf sich aufmerksam macht, was sie verhindert und wozu sie einen zwingt. Die Frage: „Warum passiert gerade das, gerade mir, gerade jetzt zu diesem Zeitpunkt? Woran hindert es mich und wozu zwingt es mich bzw. was will es von mir?“ kann zur tieferen Bedeutung führen.

Auch wenn es keine zwei gleichen Allergien gibt, haben sie doch alle als Grundthema die verdrängte Aggression, die sich unbewusst in einem frustranen Kampf ge­gen den Schmutz dieser Welt austobt. Vergeblich ist dieser Kampf schon deshalb, weil das Dunkle genauso in die Welt gehört wie das Helle und mit dessen Ergänzung überhaupt erst Ganzheit ermöglicht. Dass die Bekämpfung der Geschlechtlichkeit keinen Sinn macht, liegt auf der Hand. Würden die Allergiker in ihrem Kampf siegen, müßte nicht nur alles Wachstum im Frühling ausfallen, sondern auch das Menschengeschlecht würde in Kürze aus­sterben.