Aggression als Chance – Krieg als Gefahr

Nichts ist uns so zuwider wie Gewalt und Krieg, und trotzdem oder gerade deswegen beherrschen beide unsere Nachrichten und damit auch unsere Gedanken. Wir bekommen offenbar immer gerade das, was wir am wenigsten wollen. Dahinter steckt offensichtlich mehr als dummer Zufall. Es sind gerade die Friedenspolitiker, die durch Gewalt umkommen von Mahatma Gandhi über Dag Hammersköld, John F. Kennedy und seinen Bruder Robert, Martin Luther King, Olof Palme, Anwar el Sadat bis zu Itzhak Rabin. Auch John Lennon könnte man noch hinzuzählen „All You need is love“ und „Give peace a chance“ sind seine berühmtsten und ewig aktuellen Lieder und für ihren Schöpfer war der erste Schuss tödlich.
Hinter Gewalt und Krieg steckt jeweils das Aggressionsprinzip, das man zu alten Zeiten mit dem Urprinzip des Ares-Mars, des Kriegsgottes der Antike, in Zusammenhang brachte. Auch wenn wir den Glauben an die alten Götter längst aufgegeben haben und sie erst durch einen einzigen allmächtigen Gott und dann durch verschiedene Götzen wie Geld, Fortschritt und Erfolg ersetzt haben, wirklich entmachten konnten wir das Urprinzip Mars dadurch nicht. Wie zu allen Zeiten verabscheuen moderne Menschen Gewalt und Krieg und bekommen sie doch im Überfluss genauso sicher wie zu allen Zeiten.
Aufgeklärt mögen wir durchaus sein im Vergleich zu unseren Vorfahren, allein was das Aggressionsprinzip angeht, scheint es nichts gebracht zu haben. Seit Generationen bemühen sich– vor allem weibliche – Lehrkräfte, ihre Schüler zu anständigen jungen Menschen zu erziehen, die Gewalt verabscheuen und weit von sich weisen. Überall sind sich – noch immer überwiegend männliche – Politiker auf der Welt einig, dass Krieg kein Mittel der Auseinandersetzung sein dürfe und überhaupt von der Erde verbannt gehörte. Und dann machen die Umstände oder einzelne besonders böse Politiker wieder alles zu Nichte – Gewalt flammt irgendwo auf, Krieg entzündet ganze Teile der Welt und sofort muss sich der Rest der Welt wehren.
Im Augenblick haben wir eine insofern besondere Lage, als ein einzelner Politiker eines einzelnen Landes einen Krieg will und konsequent darauf hinarbeitet. Allein das scheint zu reichen, um einen besonders heiklen Punkt der Welt in Brand zu schießen. Rund um stehen Milliarden Menschen und eine überwältigende Mehrheit von Ländern, die diesen Krieg nicht wollen, aber der Zündler scheint die Oberhand zu behalten. Seine Gründe sind dabei selten einfach zu durchschauen. Zum ersten folgt er einer Familientradition und will seinen Vater rächen, der den Oberschurken seinerzeit nicht wirklich bezwungen hatte. Der Sohn will das nun – wie er blauäugig ankündigt – gründlicher tun. Sicher hat auch die Ölindustrie, die seinen Wahlkampf vor allem finanzierte, ein paar Interessen im Kriegsgebiet, die bei dieser Gelegenheit gleich bedient werden können. Schließlich ist es wohl auch kein großer Nachteil für die weltgrößte und effektivste Waffenindustrie bei dieser Gelegenheit 1. zu beweisen, was sie kann und 2. loszuwerden, was anschließend so zwingend und gerne und kostenintensiv ersetzt werden muss.
Manche erinnern sich wehmütig an die Zeiten des kalten Krieges, wo ein Gleichgewicht des Schreckens einen wenn auch eiskalten Frieden so gerade eben am Leben erhielt. Immerhin war es noch ein Gleichgewicht. Wo nun skrupellose Machtpolitiker, die kein Gegengewicht mehr fürchten müssen, allein das Sagen bekommen, steht der Frieden auf relativ verlorenem Posten und Gewalt droht sich Bahn zu brechen.
Sie scheint etwas ungeheuer Faszinierendes zu haben, wenn man etwa auch an ihre andere Brutstätte, die Filmstudios von Hollywood denkt. Für einfache Gemüter werden hier geradezu am Fliessband Action-Filme produziert, deren schwache Stoffe oft nur die Staffage für zweistündige Gewaltorgien liefern. Nichts macht soviel Kasse und spielt sein Geld so leicht wieder ein und einiges darüber hinaus wie brutale Gewaltfilme. Selbst bis in anspruchsvolle Filme – die durchaus auch immer wieder aus Hollywood kommen – zieht sich das Kriegs- und Kampfthema. Wir können offenbar ohne das Aggressionsprinzip nicht auskommen.
Das müssten wir allmählich einfach begreifen, denn nur dann steht uns die Möglichkeit offen, uns mit ihm auszusöhnen. Wie jedes Prinzip hat auch das der Aggression zwei Seiten, nur haben wir gerade hier enorme Probleme, seine erlöste angenehme Seite zu finden. Bei den anderen Urprinzipien oder Archetypen, aus denen sich diese Schöpfung aufbaut, tun wir uns meist leichter. Dass zum Venusprinzip, das mit Liebe, Frieden und Genuss assoziiert wird, auch venerische beziehungsweise venusische Krankheiten gehören, ist ebenso bekannt wie die Tatsache, dass Merkur, das Prinzip des Austausches sowohl die Händler als auch die Diebe unter seinen Fittichen hat. Zum strengen reduzierenden Wesen des Saturnprinzips gehören neben Krankheit und Tod auch Ordnung, Disziplin und Klarheit. Jupiter steht für Expansion sowohl des Glücks wie auch des Geldes, aber eben auch des Krebses. Das Mondprinzip steht für das Nährende ebenso wie für die Launen, zum Sonnenprinzip rechnet sich das Strahlende und die Arroganz, zum uranischen Prinzip zählen Originalität und Freiheitsliebe, aber auch all die Verrücktheiten dieser Welt. Das Neptunische steht für mystische Erfahrungen von Transzendenz und Einheit, aber auch für Sucht und Schwindel. Beim Plutonischen tun wir uns in der Praxis wieder schwer, die positiven Seiten zu finden, was wohl damit zu tun hat, dass es sich hier um die weibliche Form der Aggression handelt. Von Plutonium wissen wir um seine Gefährlichkeit, was es uns Gutes bringen könnte, ist dagegen noch offen. Allerdings wären neben Selbstzerfleischung und Bürgerkrieg auch die große Wandlung im Sinne der Metamorphose hier zu suchen.
Pluto ist auch jenes Urprinzip, das uns in unerlöstester Form in letzter Zeit so sehr das Fürchten gelehrt hat. So wie ein Bürgerkrieg noch schlimmer als ein Krieg gegen äußere Feinde erscheint, erscheint uns das Pluto-Thema noch ungleich bedrohlicher als das des Marsprinzips. Die Kriege und Gräuel der letzten 10 Jahre haben in ihrer plutonischen Art Mars fast wie einen harmlosen guten alten Bekannten erscheinen lassen. Als in Ruanda die Volksgruppe der Hutus plötzlich Hunderttausende von Landsleuten in Gestalt der Tutsies abschlachtete, war die Weltgemeinschaft ebenso hilflos wie entsetzt. Als in Jugoslawien die Armee ganze Volksgruppen des eigenen Landes auf erbärmlichste Art massakrierte, stockte uns der Atem vor Schreck. Der hielt so lange an, dass es für Tausende schon zu spät war, als sich die Weltgemeinschaft zum militärischen Eingreifen entschied.
In Israel zeigen uns die Selbstmordterroristen der fanatisierten Islamisten ständig, was plutonischer Krieg ist. Feige aus dem Hintergrund agierend, sich niemals offen zum Kampf stellend, bringen sie als lebende Bomben Tod und Verwüstung über eine Land und eine Gesellschaft, die sich, was marsische Kriegführung angeht, zur Weltspitze rechnen darf. Nirgendwo sieht man deutlicher, wie wenig marsische Antworten plutonischen Herausforderungen gerecht werden können. Die Soldaten der israelischen Armee werden sich entweder im plutonischen Sinn radikalisieren und brutalisieren oder chancenlos bleiben gegen einen Gegner, der sich niemals offen stellt. Wie sollen sie kämpfen, wenn sich der Gegner nie offen zeigt. All ihre „phantastischen“ Hichtech-Waffen zielen so ins Leere.
Ganz ähnlich wird es den Armeen der westlichen Welt ergehen in ihrem Kampf gegen den ebenso plutonischen Terror der Islamisten von Al Kaida. Sie werden um sich schlagen und kämpfen wollen, aber es wird sich – wie schon in Afganisthan – kaum ein Gegner zeigen. Vielleicht will Herr Bush deshalb auch so gern ein Land wie den Irak angreifen, der zwar nichts mit dem Terror von Al Kaida zu tun, aber dafür wenigstens Soldaten hat, die sich vielleicht sogar dem für sie aussichtslosen Kampf stellen werden und rasch und wie gehabt untergehen. Die naiven Krieger um Bush werden natürlich wieder einen Sieg einfahren, der aber wie alle Pyrrhussiege wiederum nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass das Ganze in einem Fiasko enden muss. Noch nirgendwo auf der Welt sind je plutonische Kräfte von marsischen endgültig besiegt worden. Es wird wohl auch diesmal nichts werden, trotz all des Säbelrasselns und der ebenso sicheren wie skrupellosen Siege auf dem Weg in den Abgrund. Erstmals zeigt sich der Westen wirklich terrorisiert und schlägt in seiner Hilflosigkeit wild um sich. Da sie den eigentlichen Gegner nicht zu fassen bekommen, kämpfen der Westen da, wo man wenigstens noch kämpfen kann. Damit gleicht er aber dem Mulla Nasruddin, der seinen verlorenen Hausschlüssel im Lichte einer Laterne sucht, obwohl er ihn ganz woanders, aber eben im Dunkeln verloren hat.

Was könnten wir in solch einer Situation tun, die uns ständig zu Stellungnahmen zwingt? Wo wir, ob wir wollen oder nicht, zum Schluss doch verwickelt sein werden. Die Österreicher könnten sich an Deutschland anschauen, wo die Aufgabe der Neutralität hinführen wird. Obwohl das keineswegs verlockend wirken kann, ist der Trend doch auffällig in Richtung Parteiergreifen und Mitmischen bei all den aggressiven Kriegsspielen.
Wir könnten nun – in dieser bedrückenden Ohnmacht – wenigstens anfangen, die Prinzipien zu verstehen, die uns in den Abgrund treiben. Wobei wir das bisher leider noch nicht einmal auf der Ebene der Krankheitsbilder geschafft haben. Denn auch hier erleben wir ein langsames Eskalieren von Marsproblemen mit einer zunehmenden Tendenz zu Plutonischem Krankheitsgeschehen. Selbst mit den Infektionskrankheiten, wo die Schulmedizin ihren größten Sieg in Diagnose und Therapie erringen konnte, werden wir heute weniger denn je fertig. Wenn ein amerikanische Starphotograph kürzlich 50-jährig an Lungenentzündung stirbt, zeigt das, wo wir gelandet sind. Wir haben solange alle möglichen Erreger mit Antibiotika versucht niederzukämpfen, dass der Feind inzwischen solche Resistenzen aufgebaut hat, dass er immer überlegener wird. Wir verlieren heute schon wieder viele Patienten – zum Beispiel an Herz-Lungen-Maschinen – weil die Antibiotika nicht mehr greifen. In der Urologie, wo es um Nieren- und Blasenprobleme geht, soll die Situation nach Aussage eines Urologieprofessors schon wieder schlimmer sein als in der Vorantibiotika-Ära. Die Infektionskrankheiten sind durch unsere Kriegszüge gegen die Erreger mitnichten weniger geworden, sondern eher mehr.
Aber es kommt noch schlimmer: durch unseren unverantwortlichen und kritiklosen massenhaften Einsatz der Antibiotika lassen wir das Aggressionsproblem von der Mars- auf die Plutoebene eskalieren. Wir wissen heute, dass ein Neugeborenes, das in den ersten beiden Lebensjahren Antibiotika bekommt, ein um mehr als 50 % höheres Risiko zu späteren Allergien hat. Und trotzdem verschreiben Kinderärzte noch immer ausgesprochen locker Antibiotika in wenig bedrohlichen Situationen.
Bei der Allergie aber haben wir schon den Übergang vom Krieg zum Bürgerkrieg. Während bei der Infektion noch potentiell gefährliche Erreger von der körpereigenen Abwehr attackiert werden, zielt der Kampf bei den Allergien bereits auf in der Regel harmlose Allergene, die lediglich symbolisch gefährlich für die Betroffenen sind. Hier sind die Hauptschäden durch die eigene Abwehr verursacht. Das eigene Immunsystem macht beim Asthma bronchiale das Leben eng und bedroht es nicht selten sogar.
Eine weitere Eskalationsstufe sind die Autoaggressionskrankheiten, bei denen das Immunsystem eigene Körperstrukturen als fremd einstuft und bis auf den Tod bekämpft. Hier ist Pluto voll in seinem Element und der Organismus wird von innen heraus zerstört. Die Hilflosigkeit der Medizin bei Krankheitsbildern aus diesem Bereich wie etwa MS entspricht der der Politiker gegenüber dem Terrorismus.
Beide Bereiche Medizin und Politik könnten enorm davon profitieren, die beiden Prinzipien Mars und Pluto bis in deren Tiefen zu verstehen, sodaß auch die erlösteren Seiten deutlich würden. Mein jüngstes Buch „Aggression als Chance“ will hier helfen, mit diesen beiden Prinzipien und den aus ihnen sich entwickelnden Problemen auf anspruchsvolleren Ebenen fertig zu werden.
Tatsächlich zeigen die Erfahrungen mit dem Ansatz von „Krankheit als Symbol“, dass die Neigung zu Infektionskrankheiten zurückgeht, wenn die Betroffenen anfangen, mutiger und offensiver zu leben und sich ihren Lebensaufgaben zu stellen. Wo die heißen Eisen angepackt und alle Aspekte des Lebens in Angriff genommen werden, ist der Körper entlastet von Auseinandersetzungen und Kriegen. Die Seele nimmt ihm diese Aufgabe wieder ab. Oder kurz gesagt, wer sich vom Leben erregen lässt, ist vor Erregern sicherer. Insofern haben wir hier immer auch die Wahl, auf welcher Ebene wir uns auseinandersetzen wollen, auf der Bewusstseins- oder der Körperebene. Das erstere braucht Mut, das letztere bringt Leid.
Bei plutonischen Problemen wird die Aufgabe noch herausfordernder, denn nun geht es um radikale und grundsätzliche Umwandlungen im Sinne der alten Begriffe Metamorphose oder Metanoia. Die Praxis der Krankheitsbilder-Psychotherapie hat in den letzten 20 Jahren ergeben, dass solche radikalen Wandlungsschritte im Bereich plutonischer Probleme sogar das Leben retten kann wie wir es etwa bei Krebspatienten schon erlebt haben. Krebs hat ja auch viel mit unserem Thema der Aggression zu tun hat. In seinen frühen Stadien ist er sehr aggressiv offensiv im marsischen Sinn, um dann aber immer selbstzerstörerischer im plutonischen Sinne zu werden. Die Gefahr ist, dass der Krebs zum Schluss jenes Körperland in dem und von dem er selbst lebt, vollkommen zerstört.
Insofern sind die Parallelen zur makroskopischen Situation recht deutlich und so nennen denn Politiker den neuen Terrorismus auch eine Plage und Seuche und den Krebs der Welt. In urprinzipieller Hinsicht haben sie damit sogar recht. Schade nur, dass sie sich weigern den gemeinsamen Hintergrund beider Probleme zu verstehen. Dann würde auch für die Politik schnell klar, was Ärzte – wenn auch widerwillig – in den letzten Jahrzehnten bereits lernt mussten und naturheilkundlich orientierte Kollegen seit langem propagieren und erfolgreich anwenden. Die Chance bei Entzündungen und Seuchen liegt viel mehr in der Sanierung des Terrains als im Kampf gegen die Erreger. Viel besser ist es, den Körper selbst in Stand zu setzen, mit den Herausforderungen umzugehen, als ihm den Kampf abzunehmen. Ersteres stärkt seine Abwehr, letzteres schwächt sie auf die Dauer.
Wenn man sich das ganze Ausmaß der Einflüsse des Aggressionsthemas auf unsere Gesundheitssituation klar macht, wie es mir beim Schreiben von „Aggression als Chance“ nicht erspart blieb, erkennt man, dass hier der Schlüssel zu den aktuellen Problemen unserer Welt liegt. In der Medizin fallen noch all die Schmerzprobleme in diesen Bereich, aber auch Krankheitsbilder wie Rheuma und seit neuestem auch die Hyperaktivität vieler Kinder. „Aggression als Chance“ zu begreifen, ist die bessere Alternative, denn die Wahl, ob wir uns mit diesem Thema auseinandersetzen, haben wir ja gar nicht, wir können uns lediglich die Ebene aussuchen. Wie alle Archetypen haben auch die der Aggression ihre lichten Seiten. Diese Chance zu erkennen und zu ergreifen, will das entsprechende Buch lehren und könnte so selbst zur Chance werden.